Im Oktober 2009 fand erstmals ein Jugendaustausch zwischen jungen Sahraouis, die in Flüchtlingslagern der Westsahara leben und jungen Berliner_innen aus dem Bezirk Treptow-Köpenick statt. Ziel dieser Begegnung war u.a. die langfristige gemeinsame Arbeit am Aufbau eines erstenJugendzentrums in Ausserd.
Im Folgenden soll das Projekt und sein Entstehungsprozess, zunächst aber auch die politischen Hintergründe des Westsaharakonfliktes beschrieben werden.
Politischer Hintergrund:
Um die territorialen Grenzen der Westsahara wird seit über 30 Jahren in einem postkolonialen Konflikt gestritten. Der Westsahara-Konflikt gehört zu den 'vergessenen' Konflikten und stellt ein völkerrechtliches Drama dar:
Die Westsahara wurde von Marokko völkerrechtswidrig annektiert, unmittelbar nachdem Spanien die Kolonie 1975 aufgegeben hatte. Die Bevölkerung der Westsahara, die Sahrauis, führt seitdem mit der „Frente POLISARIO“ einen Widerstandskampf, bis 1991 im offenen Krieg. In den besetzten Gebieten der Westsahara geht Marokko mit massiven Menschenrechtsverletzungen gegen friedlichen Protest der Sahrauis vor.
Ein großer Teil des Volkes, ca. 165.000 Menschen, lebt seit über 35 Jahren im Exil in der Wüste in vier Flüchtlingslagern hinter der algerischen Grenze, wohin sie während des Krieges flüchten mussten. Die Sahrauis verfügen in den Flüchtlingslagern über einen eigenen Staatsapparat, der auch Sitz der Exilregierung ist. International wird der Staat, die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS), lediglich von Teilen der Staatengemeinschaft anerkannt. Die UNO weist offiziell Marokkos Ansprüche zurück und fordert die Durchführung eines Referendums der Bevölkerung über den territorialen Status der Westsahara und entsendet ergebnislos seit Jahrzehnten Sonderbotschafter zur Konfliktlösung. Wirtschaftliche Verwertungsinteressen (Öl, Mineralien und Fischbestände vor der Küste) blockieren auch auf der Ebene der UNO politische Lösungen. Die Bevölkerung in den Flüchtlingslagern ist ausschließlich auf internationale humanitäre Hilfslieferungen angewiesen, denn es existiert dort keine eigene Wirtschaft. Soziokulturelle Strukturen bestehen rudimentär, bedürfen allerdings der finanziellen Unterstützung von außen.
Hintergrund unseres Projekts:
Die politische Aussichtslosigkeit der Situation in den Flüchtlingslagern ist insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene schwer erträglich, weswegen sich die staatliche Jugendorganisation der Sahrauis, die UJSARIO, um die Entwicklung spezieller Angebote für Jugendliche bemüht. So wurden z.B. in den letzten Jahren im Flüchtlingslager Smara Jugendzentren mit Hilfe des Schweizerischen Unterstützungskomitees für die Sahrauis (SUKS) und anderer Organisationen aufgebaut. Diese Jugendzentren dienen als Treffpunkt, Möglichkeit der gemeinsamen Freizeitgestaltung, aber auch als Ort der Bildung, da in den Lagern lediglich der Besuch von Grundschulen organisiert werden kann.
In Deutschland gibt es gegenwärtig keinen bundesweiten Unterstützerkreis der Sahrauis und nur selten wird über den Konflikt in der Presse berichtet, wie im Falle des Hungerstreiks der sahrauischen Menschenrechtlerin Aminatou Haidar im Dezember 2009. Sonst findet die Problematik kaum Beachtung in der breiteren Öffentlichkeit.
Unser Verein, der Kreisjugendring Köpenick e.V., betreibt ein alternatives Jugendzentrum, das Haus der Jugend Köpenick, u.a. mit einem Schwerpunkt zur politischen Jugendbildung. Ein Kollege, den wir aus Zusammenhängen der internationalen Jugendarbeit kennen, berichtete uns vom Westsahara-Konflikt, der Situation der Sahrauis und der Arbeit des SUKS, dessen Vorsitzende Elisabeth Bäschlin ist. Auf der Suche nach einem langfristigen Projekt für eine internationale Jugendbegegnung nahmen wir Anfang 2009 Kontakt zum SUKS auf, um die Vermittlung von Kontakten zur UJSARIO zu erbitten. Elisabeth Bäschlin besprach unsere Anfrage im Februar 2009 vor Ort mit dem Vorsitzenden der UJSARIO und dem Jugendminister der DARS, die sich sehr an einem Austauschprojekt mit uns interessiert zeigten.
Sie fanden mit Maima Salima Ahmed auch eine deutschsprechende Verantwortliche für die Projektdurchführung im Flüchtlingslager Ausserd. Maima Ahmed arbeitet bei der örtlichen Frauenorganisation und hat von 1994 bis 2000 in Berlin gelebt, wo sie eine Ausbildung als Bau-Elektrikerin in der Werkschule Berlin absolvierte.
Von Februar bis April 2009 veranstalteten wir dann in unserem Jugendklub mehrere Informations- und Diskussionsabende, bei denen sowohl Elisabeth Bäschlin als auch die damalige Vertreterin der POLISARIO Deutschland Nadjat Hamndi anwesend waren und uns über die politische und soziale Lage der Sahrauis aufklärten. Beide berieten uns auch weiterhin bei der Durchführung unseres Projektes.
Gegenwärtig besteht die Gruppe der Interessierten aus ca. 20 jungen Leuten.
Ziele des Projektes:
Mit unserem Projekt möchten wir eine breitere Öffentlichkeit für das Anliegen der Sahrauis in Deutschland und gern auch europaweit herstellen und gemeinsam mit einer Gruppe junger Sahrauis den Aufbau eines Jugendzentrums im Flüchtlingslager Ausserd unterstützen.
In der Begegnung zwischen Jugendlichen aus Berlin und Ausserd in ihrem jeweiligen Umfeld geht es darum, sich gegenseitig kennen zu lernen und sich über die jeweiligen Lebenswelten auszutauschen. Damit kann hoffentlich ein Beitrag zur interkulturellen Verständigung geleistet werden. Für die sahrauischen Teilnehmenden ist es aus Sicht der UJSARIO wichtig, durch die Begegnung dem Gefühl von Perspektivlosigkeit entgegenzuwirken und das persönliche Engagement zu fördern, was nicht weniger für unsere deutschen Teilnehmer_innen gilt. Für beide Seiten ist der Austausch eine Möglichkeit zu einem positiven Nord-Süd-Dialog beizutragen und Erfahrungen im politisch-sozialen Handeln zu sammeln. Weiterhin wollen wir uns im Rahmen des Projektes intensiver mit den Rahmenbedingungen des Westsahara-Konflikts und praktischer internationaler Solidaritätsarbeit auseinandersetzen.
Ansätze des Projekts:
Der Fokus des Projektes liegt auf der Begegnung zwischen Jugendlichen/jungen Erwachsenen und auch auf der Unterstützung von Angeboten von und für Jugendliche.
Uns ist darüber hinaus das selbstständige und gemeinsame Entwickeln und Durchführen des Projektes wichtig: es sollte weitestgehend unter der Regie der jugendlichen Teilnehmenden mit der nötigen institutionellen Unterstützung bzw. Begleitung erfolgen. Die gleichberechtigte Zusammenarbeit aller am Projekt Beteiligten ist aus unserer Sicht insbesondere auch für einen Lernprozess, der auf Gegenseitigkeit basiert, unverzichtbar.
Entwicklungen:
Auf die bereits erwähnten Informationsveranstaltungen folgten monatelange Vorbereitungen, um die geplante Begegnung stattfinden lassen zu können. Vom 13. bis 21. Oktober 2009 fuhren neun Berliner Jugendliche in die Westsahara, um dort auf ebenfalls neun Sahrauis zu treffen. Zu jeder Gruppe gehörten jeweils zwei Begleiter_innen. Das Dolmetschen übernahmen die Teilnehmenden und die Begleiter_innen selbst.
An der Idee zum Aufbau des geplanten Jugendzentrums konnte gearbeitet werden, indem wir einen gemeinsamen Austausch mit Aktiven aus einem der bereits bestehenden Jugendzentren in Smara suchten, was ca. 30 km von Ausserd entfernt liegt.
Während der gesamten Begegnung wurde versucht, eine gemeinsame Basis für das anstehende Projekt zu finden. So informierten sich alle Jugendlichen gemeinsam im Flüchtlingslager Smara darüber, was es in einem Jugendzentrum für Angebote geben sollte und wie dieses aufgebaut werden könnte. Es wurden Gespräche mit lokalen Verantwortlichen geführt, um Unterstützung für den Aufbau des Zentrums in Ausserd zu bekommen. Auch ein geeignetes Gebäude wurde in der Daira, einem „Stadtteil“ Ausserds, La Guera ausfindig gemacht. Mehrere von den Jugendlichen selbst angeleitete Workshops dienten dazu, sich gegenseitig Fertigkeiten zu vermitteln, die später auch anderen Jugendliche gezeigt werden können (z.B. Jonglage, Percussion, Töpfern, Gruppenspiele). Auch der persönliche Austausch unter den Jugendlichen fand statt. Es kam zu Gesprächen über alltägliche Dinge, die einander verbanden oder auch die kulturellen Unterschiede aufzeigten.
Der traurigste aber vielleicht auch der am meisten verbindende Moment der Begegnung war für viele Deutsche wie Sahrauis, der Besuch bei der Menschrechtsorganisation AFAPREDESA. Diese versucht, Öffentlichkeit für die verschwundenen und gefolterten Sahrauis in den von Marokko besetzten Gebieten herzustellen. Augenzeugenberichte unterstützten das Gefühl der jungen Leute, sich weiterhin für eine friedliche Lösung des Konflikts einzusetzen und die Menschenrechtsverletzungen an die Öffentlichkeit zu tragen.
Die Nachbereitung zu dem Austausch zurück in Berlin bestätigte diesen Eindruck. Innerhalb der nächsten Treffen bildeten sich drei Organisationsgruppen für die Bearbeitung unterschiedlicher Bereiche heraus. Es fanden sich Leute zusammen, die sich fortan um die Öffentlichkeitsarbeit der gesamten Gruppe kümmern werden. Dazu gehört zum Einen, Möglichkeiten zu finden, den Westsaharakonflikt an eine breitere Öffentlichkeit zu bringen. Erste Erfolge sind bereits durch eine Kundgebung am 18. Dezember 2009 vor der Marokkanischen Botschaft in Berlin zu verbuchen. Zum Anderen wird in der Öffentlichkeitsarbeitsgruppe Material für eine umfangreiche Infobroschüre erarbeitet. Diese soll zu Informationszwecken an Personen und Gruppen verteilt werden soll, von denen wir denken, dass sie für unser Anliegen unterstützend wirken können, wie zum Beispiel die Abgeordneten für Menschrechtsangelegenheiten des EU-Parlaments oder andere interessierte Organisationen in Deutschland. Des Weiteren wird eine Präsentation ausgearbeitet, die zur Vorführung in Schulen oder anderen Jugendzentren gedacht ist.
Für den Aufbau des Jugendzentrums in Ausserd hat sich eine zweite Gruppe zusammengefunden. Sie koordiniert die Planung und Durchführung des Aufbaus. Um bestmöglich die folgenden Schritte durchführen zu können, fuhren zwei Personen unserer Gruppe vom 30. Januar bis 20. Februar 2010 in die Westsahara. Vor Ort festigten sie die Kontakte zu den unser Vorhaben unterstützenden Personen, stellten unsere Ideen vor und nahmen zusammen mit unserer Partnergruppe in einer Jugendversammlung die Wünsche und Ideen der sahrauischen Jugendlichen auf und besprachen diese. Eine weitere Überlegung ist es, einen Freiwilligendienst für die Westsahara ins Leben zu rufen, dessen Aufgabe es sein wird, innerhalb eines halben Jahres den Aufbau des Zentrum vor Ort zu unterstützen und ein Bindeglied zwischen den jungen Leuten in Berlin und der Westsahara zu verkörpern, wovon sich beide Seiten einen engeren Kontakt und Austausch erhoffen.
Eine dritte Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der Vorbereitung der weiteren Begegnungen: Sie plant die Finanzierungen, Abläufe und Inhalte für die gesamte Gruppe. Bei der letzten Jugendbegegnung im Mai 2010 in Berlin und Straßburg konnten die ersten Früchte ihrer Arbeit geerntet werden. An der Begegnung nahmen deutsche, sahrauische und erstmals auch französische Jugendliche teil. Vom 12. bis 17. Mai 2010 lernten sich alle Jugendlichen in Berlin kennen und arbeiteten ihre gemeinsamen Ziele für die nächsten zwei Wochen aus. Thematisch stand dabei der Einfluss der EU auf den Westsaharakonflikt im Vordergrund, wobei persönliche Interessen und eine Stadtführung durch Berlin nicht zu kurz kamen, um auch den kulturellen Austausch weiterhin zu fördern. Vom 17. bis 22. Mai hielten sich dann alle Jugendliche in Straßburg auf, wo wir die zuvor erarbeiteten Schwerpunkte umsetzten und unsere Forderungen persönlich an die EU-Parlamentsabgeordneten der Inter-Group „Westsahara“ Norbert Neuser und Nicole Kiil-Nielsen stellten. Der Höhepunkt des Straßburg-Aufenthalts war am vorletzten Tag unsere Demonstration vor dem EU-Parlament, die wir ähnlich wie vor der Marokkanischen Botschaft in Berlin, mit dem Einriss einer symbolischen Mauer zelebrierten.
Im Oktober 2010 soll dann eine weitere Begegnung in der Westsahara folgen, um aktiv an der Umsetzung des Jugendzentrums arbeiten zu können. So planen wir, erstmalig das Gebäude, was noch ausgebaut werden muss, zu nutzen. Hier sollen an einem „Tag der offenen Tür“ mehrere Workshops für Jugendliche stattfinden und das Gebäude symbolisch mit einem Türeinbau und der Schlüsselübergabe an die Jugendorganisation eingeweiht werden.
Ideen zur Finanzierung:
Wir benötigen Gelder für alle drei Bereiche unserer Arbeit. Zur Durchführung der Jugendbegegnungen fehlen uns immer wieder Gelder, weil insbesondere die Flugkosten sehr hoch sind. Hier versuchen wir, die anfallenden Belastungen durch Förderungen des deutsch-französischen Jugendwerks, Stiftungsgelder sowie Teilnahmebeiträge (außer von den Sahrauis) zu decken.
Für unsere Öffentlichkeitsarbeit in Berlin bekommen wir Fördermittel des Landes Berlin für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit. Mit welcher Stiftung wir bei dem Bau des Jugendzentrums zusammenarbeiten werden, steht noch nicht fest.
Die jeweiligen Eigenanteile akquirieren wir über Benefizkonzerte, Trödelmärkte und natürlich Spendensammlungen.
Unterstützung:
Der KJR e.V. fördert dieses Jugendinitiativprojekt personell mittels der Begleitung
durch die Koordinatorin für politische Jugendbildung, Tanja Brodtmann, sowie im Rahmen seiner ehrenamtlichen Möglichkeiten; darüber hinaus auch durch die Verauslagung von Geldern. Des Weiteren erhalten wir inhaltliche Unterstützung durch Elisabeth Bäschlin vom Schweizerischen Unterstützungskomitee für die Sahrauis (SUKS).
Weitere in der Solidaritätsarbeit für die Sahrauis erfahrene Berliner_innen (u. a. von der 'Aktion solidarische Welt' oder der Initiative 'Stärke des Rechts') unterstützen uns punktuell. Jamal Zakari, Nadjat Hamdi, Sdiga Dauger und andere Vertreter_innen der POLISARIO in Europa, werden uns weiterhin beratend zur Seite stehen.
Berlin, 03. August 2010