Erste deutsch-franz.-sahrauische Jugendbegegnung in einem sahrauischen Flüchtlingslager

Vom 09. bis 23.11. 2010 trafen sich erneut junge Leute aus Frankreich, Deutschland und
dem sahrauischen Flüchtlingslager Ausserd. In den ersten beiden Treffen im Mai 2010 in
Berlin und Straßburg standen die thematische Erarbeitung des Westsaharakonfliktes, die
Auseinandersetzung mit der Politik der EU und der direkte Austausch mit EUPolitiker_
innen zum Westsaharakonflikt im Mittelpunkt.
In diesem dritten Teil ging es um die gemeinsame Unterstützung des Ausbaus eines
ersten Jugendzentrums im Flüchtlingslager Ausserd und das praktische Kennenlernen von
Nord-Süd-Zusammenarbeit.


Die Jugendbegegnung stand stark unter dem Eindruck aktueller politischer Ereignisse:
am Vortag der Begegnung hatte Marokko ein Protestcamp von 20.000 Sahrauis in den
von ihm besetzten Gebieten gewaltsam aufgelöst. In Folge war in den sahrauischen
Medien von 30 Toten, über 400 verschwundenen Personen und 2000 Verletzten die Rede.
Unabhängigen Beobachter_innen (auch EU-Parlamentarier_innen) wurde von Marokko
die Einreise verwehrt, so dass bisher noch keine bestätigten Zahlen vorliegen. Dieses
Vorgehen Marokkos war Thema im Weltsicherheitsrat. Das EU-Parlament forderte eine
unabhängige Untersuchung und eine friedliche Lösung des Westsaharakonfliktes auf
Basis des Völkerrechts. Seit dem Waffenstillstand 1991 war es nicht zu vergleichbaren
Übergriffen gekommen. Die Sahrauis in den Flüchtlingslagern debattierten nun während
unseres Aufenthaltes viel über die aktuelle Lage, Jugendliche veranstalteten
Demonstrationen, so fuhren z.B. öfter abends hupende Autokorsos durch das Lager.
Am Rande einer Tagesexkursion an die von Marokko errichtete Mauer, demonstrierten
Teilnehmer_innen gegen die Niederschlagung des Camps und die Besetzung der
Westsahara durch Marokko.
In einem Rohbau, der für das geplante Jugendzentrum benutzt werden kann, organisierten
wir im Rahmen der Jugendbegegnung einen „Tag der offenen Tür“. Das Gebäude wurde
von den Teilnehmer_innen gesäubert und eine Tür wurde eingebaut. Anschließend wurde
Planen für den Sonnenschutz im Innenhof installiert und das Zentrum mit Bändern, Fotos
und Tüchern dekoriert. Im Februar 2010 hatte in Ausserd eine Ideenwerkstatt zur
zukünftigen Nutzung des Jugendzentrums mit Jugendlichen stattgefunden. Die dabei
erarbeiteten Schwerpunkte zu gewünschten Angeboten (insb. Sprach- und PC-Kurse
sowie Freiraum zum Treffen) wurden nun noch einmal öffentlich sichtbar gemacht.

An diesem „Tag der offenen Tür“ fanden nun verschiedene, von den Teilnehmer_innen
organisierte Workshops und Spielangebote statt: Drachenbau, Schmuckbasteln, Filzen,
Volleyball, Boule, Jungle Speed und ein Erste-Hilfe-Kurs. Eingeladen waren Jugendliche
und Familien aus der Nachbarschaft. Ca. 30 Jugendliche und weitere Kinder kamen der
Einladung nach. Wir waren mit der Wirkung unserer Arbeit zufrieden, weil sich alle
Teilnehmer_innen stark bei der Vorbereitung engagierten, das Gebäude nun sichtbar ein
Jugendzentrum werden wird (Türeinbau und Schild) und ein Vertreter des kommunalen
Parlaments seine Unterstützung zusicherte. Außerdem lernten wir während der
Begegnung viele Personen kennen, die uns bei unserem Vorhaben unterstützen wollen
und können.

So konnte während der Jugendbegegnung auch ein erstes Treffen mit dem
Finanzverantwortlichen der Partnerorganisation UJSARIO stattfinden, der bereits den Bau
von Jugendzentren in einem anderen Flüchtlingslager (Smara) organisiert hat. Drei
Teilnehmer_innen der deutschen Gruppen blieben noch eine Woche länger vor Ort, um
den Prozess der Ausbaubauplanung voranzubringen. Im Ergebnis soll das Zentrum
überdacht und der Bau erweitert werden. Konkret für diesen geplanten Ausbau haben wir
von der „Aktionsgemeinschaft solidarische Welt“ Ende Dezember 2010 Geld zugesagt
bekommen, mit dem ab April 2011 gebaut werden kann. Um Geld für die
Energieversorgung, die Einrichtungsgegenstände und die laufenden Kosten müssen wir
uns 2011 weiter bemühen.

Fazit:
Die Jugendbegegnung war wie beschrieben ein Erfolg bezüglich des Vorhabens, den
Ausbau des Jugendzentrums voranzubringen.
Die gemeinsame Arbeit der deutschen, französischen und sahrauischen
Teilnehmer_innen an einem politischen und sozialen Anliegen schaffte für alle einen
authentischen Zugang: gemeinsam am Entstehen eines Jugendzentrums zu arbeiten,
bedeutet auch zu wissen, für wen und mit wem man diese Anstrengung unternimmt und
wofür sich das Engagement lohnt!
Wir machen diese Bilanz auch daran fest, dass sich sowohl alle französischen als auch
alle deutschen Teilnehmer_innen nach der Begegnung persönlich weiter für die
Westsahara engagieren wollen: die franz. Teilnehmer_innen schreiben an Berichten für
Zeitungen, die deutschen haben am vierten Advent eine Aktion in der Berliner Innenstadt
zur Nouvellierung des Fischereiabkommen der EU mit Marokko durchgeführt und planen
weitere. Wir denken, dass auch die sahrauischen Jugendlichen Mut gewinnen, indem wir
zusammen an diesem Vorhaben arbeiten (die Mitbestimmung von Jugendlichen soll
konzeptioneller Bestandteil des Jugendzentrums werden!) und indem sie wissen, dass wir
in Europa auf ihre Situation aufmerksam machen.

Für die finanzielle Unterstützung bedanken wir uns beim Deutsch-französischen
Jugendwerk, der Stiftung Werkschule und privaten Spenderinnen und Spendern.